Ein "normaler" Wochentag auf Station:

Ich kann mich gut an die ersten Wochen erinnern, als ich noch sehr auf viel Hilfe angewiesen war. Das begann gleich nach dem Aufwachen. Meistens kam glücklicherweise eine Schwester ins Zimmer, um meine „Mitbewohnerin" und mich zu wecken. Wir verließen uns darauf und schliefen oft fest bis zum Wecken. Zumindest traf das auf meine erste Zimmerpartnerin und mich zu. Wir waren exakt gleich alt und teilten trotz unserer Unterschiedlichkeit einige Gewohnheiten und Vorlieben. So schätzten wir das lange Schlafen, also mindestens bis 7 Uhr, gern auch bis halb acht.

Die Schwester, die uns weckte, half mir dann auch beim Anziehen und beim Waschen. Beides war zu Beginn meiner Zeit in Friedehorst noch mit Schwierigkeiten verbunden. Ich hatte die Abläufe zwar schon in der Früh-Reha in der Klinik in Bremen-Ost mit einer Physiotherapeutin und einem angehenden Physiotherapeuten geübt. Ganz allein konnte ich beides nicht bewältigen, das Anziehen der Schuhe und der Beinorthese machten mir Probleme. Die Orthese bereitet mir übrigens immer noch Schwierigkeiten. Mir fehlt die zweite Hand, denn der rechte Arm ist wie auch das rechte Bein durch Lähmung und Negleckt stark in der Nutzung eingeschränkt.

Frühstück war auf Station D ab halb acht oder acht Uhr. So suchten wir zu dieser Zeit den nahe gelegenen Speiseraum auf, oft gemeinsam. Ich im Rollstuhl, meine erste Zimmergenossin zu Fuß, denn ihr Defizit war nicht das Gehen. Sie konnte sich frei bewegen und zeigte abgesehen von einem vielleicht etwas merkwürdigen Verhalten und ebensolchen Reaktionen auf Menschen und Situationen keinerlei Einschränkungen.

Für die meistens Patienten begannen die Therapien gegen 9 Uhr, später auf Station F durchaus auch früher, was die Frühstückszeit sehr einschränkte. Allerdings gab es auch Frühaufsteher, die sich freuten, wenn sie morgens gleich beginnen konnten und dafür nachmittags früher Feierabend hatten. Die Anzahl der Therapie-Einheiten war von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Auch war die Abfolge verschieden und änderte sich oft jede Woche mit dem jeweils neuen Plan. Vor allen Dingen aber spielte der Fortschritt des einzelnen Patienten eine Rolle für Ausgestaltung und Anzahl der täglichen Therapieeinheiten. Ich durchlief während meiner vier Monate in Friedehorst – viele Patienten blieben je nach Art und Schwere ihrer Krankheit auch nur acht Wochen, andere zehn Monate oder noch länger – vor allem physio- und ergotherapeutische Therapie, besuchte jedoch auch Gruppensitzungen, in denen das Schreiben mit der Hand oder am Computer wieder eingeübt wurden. Das war vor allem sinnvoll, wenn wie in meinem Fall die rechte Hand nicht mehr genutzt werden kann und die ungeübte linke alle Aufgaben übernehmen soll.

So begann der Tag beispielsweise mit einer halben Stunde Physiotherpie, in der sich die Therapeutin hauptsächlich dem verletzten Bein und dem Rumpf beziehungsweise den Muskeln dort und ihrer Anregung widmeten. Wir machten auch Steh-, später Laufübungen, mit und ohne Handlauf, Aufstützen bei der Therapeutin, Stock oder anderen Hilfmitteln und Übungsgeräten. Viele Wiederholungen sind notwendig, bis ein Bein wieder weiß, was es alles kann, bis alle Muskeln wenigstens einen Teil ihrer Aufgaben wieder übernehmen. Das Zusammenspiel von Nerven, Muskeln, Bindegewebe und das Zusammenspiel aller für Bewegungen, Handeln und Denken notwendigen Abläufe in unserem Körper, die uns sonst so selbstverständlich vorkommen, erfahren eine bis dahin unbekannte Aufmerksamkeit.

Auf die Physiotherapie folgte eine halbe Stunde Ergotherapie, in der der kranke Arm, sein Zusammenspiel mit dem Rumpf und dem gesunden Arm die Hauptrolle spielten. Viele der Übungen setzte ich jetzt in der ambulanten Reha fort, um weiter voranzukommen.

Doch auch dem Denken kam seine Rolle zu. Wenn nach der ergotherapeutischen Einheit eine Stunde am Computer angesetzt war, fand das im Rahmen der Psychologie statt. Eine Therapeutin oder ein Kollege des Fachbereichs übernahm die Anleitung der Gruppe. Wir Patienten saßen jeweils an einem Gerät, ich nutze die Gelegenheiten zum Schreiben von Texten oder machte Denkspiele in speziellen neurologischen Programmen.

Inzwischen übe ich mich daheim in der Bewältigung und Neustrukturierung des Alltags. Ich übe das Gehen in Räumen und draußen. Ich dehne Spaziergänge in der Umgebug immer weiter aus und freue mich, dass der Alltag immer ein wenig einfacher wird, dass mir Mut und Zuversicht geblieben sind. Letztes auch dank meines Mannes, der mir in schwierigen Situationen Kraft gibt und mich unterstützt, wo ich es brauche. Großer Dank gilt auch meiner Mutter, die mir so beisteht, dass ich mich immer gut gehalten fühlen kann.