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Aus der Praxis

Was machen eigentlich die ehrenamtlichen Begleiter in den Familien, was erleben sie, wie sieht die Hilfe konkret aus? Auf diesen Seiten können Sie sich einen Eindruck von der Arbeit der Kinderhospizbegleiter in den Familien machen und nachlesen, was den Ausschlag für die Ehrenamtlichen gab, sich für den ambulanten Kinderhospizdienst Jona zu engagieren.

Warum? Weil dieses Tun, wie ich's empfinde, Sinn macht, weil ich viel, manchmal sehr viel von mir hingebe, aber ebenso viel zurückgeschenkt bekomme: ein Lächeln, wenn ich komme, eine herzliche Umarmung, ein Danke, wenn ich da bin, freudige Erwartung, dass ich bald wiederkomme, Traurigsein, wenn ich gehen muss, ehrliche Gespräche mit Betroffenen und ihren Lieben über das, was im Leben zählt: Fragen über Nichtgetanes, Versäumtes, eigene Grenzen, Versagen, unerfüllte und unerfüllbare Wünsche, Zukunft und gelebtes Leben...

Monika Wagener- Rieger

Erlebnisberichte von Ehrenamtlichen

Nachdem ich mein Berufsleben beendet hatte, war ich im Internet auf der Suche nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit und gelangte dabei auf die Internetseite von Jona, wo ich mich sofort von der Beschreibung des Ehrenamtes angesprochen fühlte. Und dass das alles mit einer Ausbildung verknüpft war, überzeugte mich dann restlos. Während des Kurses kristallisierte sich für mich heraus, dass ich mich gerne um die Geschwisterkinder kümmern würde. Es kam dann aber alles ganz anders:

Im Herbst vor 2 Jahren besuchte ich zusammen mit einer Koordinatorin des Hospizdienstes eine fünfköpfige Familie aus Syrien, die damals seit einem 3/4 Jahr in Bremen lebte und nach längerem Aufenthalt im Flüchtlingslager eine Wohnung bezogen hatte. Es war mein erster Einsatz bei einer Familie nach absolvierter Ausbildung bei JONA und ich war sehr gespannt auf die andere Kultur. Zu diesem Zeitpunkt sprachen die Eltern nur arabisch und englisch, die beiden älteren Söhne jedoch schon sehr gut deutsch. Somit konnten sie bei Kommunikationsproblemen immer sehr gut helfen.

Der jüngste Sohn war damals 5 Jahre alt und hatte eine schwere Operation hinter sich. Er war körperlich halbseitig beeinträchtigt und kam deshalb in die Neurologische Reha nach Friedehorst zusammen mit seiner Mutter. Hier konnte ich ihn wöchentlich besuchen. Schnell merkte ich, dass er zwar sehr an seiner Mutter hing, ihn aber die Geräusche des Lebens faszinierten. Und somit machte ich mit ihm immer einen weiten Spaziergang mit dem Rollstuhl und seine Mutter konnte sich in der Zwischenzeit ein bisschen entspannen. In der Anfangszeit wurde er immer sehr unruhig, wenn wir an einer Ampelanlage stehen bleiben mussten, und so übte ich dann mit ihm: Rote Ampel: stopp, grüne Ampel: weiter. Und er hat es sehr schnell begriffen. Damals habe ich noch nicht gewusst, wie schlecht er eigentlich sehen kann.

Während dieser Zeit baten mich die Eltern darum, mit den beiden älteren Söhnen die deutsche Sprache zu üben. Die mündliche Kommunikation klappte ja bereits sehr gut, das Schriftliche und das Lesen fiel ihnen aber noch schwer. Und so fuhr ich immer am Sonntag zu den beiden Brüdern und wir lasen und schrieben Texte.

Natürlich haben wir nicht jeden Sonntag nur geübt, sondern sind auch manchmal ins Kino gegangen, haben Burger gegessen und einmal waren wir sogar zum Segelfliegen.

Nachdem die Reha des jüngsten Bruders beendet war, setzte ich meinen Besuch bei der Familie sonntags fort. Erst wurde gespielt, dann übte ich mit den Kindern und zwischendurch aßen wir sehr leckere syrische Spezialitäten.

Mittlerweile geht jetzt auch der jüngste Sohn zur Schule und ich bin gespannt, wie sich die Familie weiterentwickeln wird. Ich würde sie, auch in Zukunft, sehr gerne auf ihrem Weg begleiten.

„Sooo schön und sooo bequem...könntest du's haben", wird mir so manches Mal mit einem gewissen Kopfschütteln entgegengebracht, wenn ich wieder aufbreche zu einem Termin, den ich mir selbst und freiwillig gesetzt habe. Schön hab ich's, bequem nicht. Aber wollte ich das?
Dann hätte ich mich nach meiner Berufstätigkeit nicht weiterhin Menschen zugewendet - nicht mehr den Heranwachsenden, sondern zunächst den aus dem Leben Herauswachsenden, den Alten, Kranken und Sterbenden, die ich nach der Schulung zur Hospizlerin über die hiesige Hospizhilfe ehrenamtlich betreut habe und nach wie vor betreue. Da diese sich altersmäßig zumeist in der zweiten Lebenshälfte befanden, blieb immer noch die Frage: Was ist, wenn Kinder lebensbedrohlich erkranken und vielleicht nicht mehr geheilt werden können? Würde ich denn damit überhaupt umgehen können und wenn ja, wie?
Aus dieser Fragehaltung erwuchs das Wagnis, beim ambulanten Kinderhospizdienst
„Jona" an der entsprechenden Schulung teilzunehmen und nach dem Abschluss auch für „Jona" ehrenamtlich tätig zu sein.

Den Anfang machte die Begleitung eines schwersterkrankten Säuglings, an dessen
Aufwachsen ich etwa drei Jahre lang teilhaben durfte und mit dem und dessen Mutter ich noch heute in lebendigem Austausch stehe. Diesen Wandel aus der tiefsten Hoffnungslosigkeit über das Schicksal solch beginnenden Lebens in allmählich aufkeimende Hoffnung und heute Glückseligkeit über jeden noch so minimalen Entwicklungsschritt des kleinen Kerls werde ich nie vergessen können noch wollen!

Inzwischen haben sich die verschiedenen Schwerpunkte der Schulungen, an
denen ich teilgenommen habe, auf wunderbare Art zusammengefügt: die Betreuung
schwer erkrankter Erwachsener oder Kinder und ihrer Familien sowie die Trauerbegleitung (teil)verwaister Kinder: Zur Zeit begleite ich nämlich ein Mädchen (und seine Familie), dessen Mutter unheilbar erkrankt ist und das an dieser Extremsituation v.a. seelisch leidet und - noch zu Lebzeiten der Mutter - um deren Verlust trauert.

Warum ich das alles mache und wie man das aushält?
Diese Frage wird mir oft gestellt.

Warum? Weil dieses Tun, wie ich's empfinde, Sinn macht, weil ich viel, manchmal sehr viel von mir hingebe, aber ebenso viel zurückgeschenkt bekomme: ein Lächeln, wenn ich komme, eine herzliche Umarmung, ein Danke, wenn ich da bin, freudige Erwartung, dass ich bald wiederkomme, Traurigsein, wenn ich gehen muss, ehrliche Gespräche mit Betroffenen und ihren Lieben über das, was im Leben zählt: Fragen über Nichtgetanes, Versäumtes, eigene Grenzen, Versagen, unerfüllte und unerfüllbare Wünsche, Zukunft und gelebtes Leben...
Wie ich das aushalte?
Indem ich mir all die Schätze vergegenwärtige, die mir durch diese Begleitungen zuteil werden: Lebenserfahrungen, an denen ich teilhaben darf, Biografien, in die mir Einblick gewährt wird, ein oft schwieriges menschliches Miteinander, das mir offenbart wird, die Not und Sehnsucht der von mir begleiteten Menschen, deren Dankbarkeit und Freude über noch so Geringes, ihren immer wieder erwachenden Mut auszuhalten und anzunehmen, was ihnen aufgegeben ist, die Entfaltung der eigenen inneren Kräfte und die Öffnung für Leben schlechthin in all seinen ungeahnten Facetten. Und bei eingestandenen Grenzerfahrungen, die sich in Seufzern wie „Ich kann nicht mehr!" oder „Mehr geht nicht!" Luft machen, sind bei „Jona" die offenen Ohren unserer beiden Koordinatorinnen und ihr lösungsorientiertes Nachempfinden meiner persönlichen Belastung ebenso unverzichtbar und hilfreich wie die monatlichen Supervisionsgespräche, in denen mitgetragen und mitbedacht wird, was so beschwert und vielleicht gar unlösbar erscheint. Gestärkt und innerlich geklärt und gefühlt aufgehoben kann ich sodann den herausfordernden und so gar nicht alltäglichen Ehrenamtsalltag wieder bestehen.