Seit Beginn des Schuljahres 2025/2026 stehen die Schülerinnen und Schüler der Klasse 5d der Oberschule Lesum mit Bewohnerinnen und Bewohner der Häuser Da Vinci und Via Vita der Stiftung Friedehorst in einem regelmäßigen Briefaustausch. Sie erzählen aus ihrem Alltag, berichten von Hobbys, Berufswünschen und Interessen und lernen dabei die Lebenswelt einer anderen Generation kennen.

Über Lernen durch Engagement

Lernen durch Engagement (LdE) ist eine Lehr- und Lernform, bei der schulisches Lernen mit gesellschaftlichem Engagement verbunden wird. Schülerinnen und Schüler entwickeln ausgehend vom Unterricht eigene Projekte und setzen diese gemeinsam mit außerschulischen Partnern um.

Dabei erleben sie, dass schulische Inhalte im „echten Leben“ eine Bedeutung haben. In Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen lernen sie verschiedene Lebenswelten und Perspektiven kennen. So werden fachliche, soziale und demokratische Kompetenzen gestärkt und die Erfahrungen gemeinsam reflektiert. Das Programm „Lernen durch Engagement in Bremen, gemeinsam Gesellschaft gestalten“ wird vom Senator für Kinder und Bildung Bremen, dem Landesinstitut für Schule (LIS) und der Freiwilligen-Agentur Bremen umgesetzt.

Interview mit Judith Niermann, Sozialpädagogin in den Häusern Da Vinci und Via Vita

Was zunächst mit einem Brief begann, ist inzwischen zu einer echten Begegnung zwischen den Generationen geworden. Was war die Grundidee des Briefprojekts? 

Judith Niermann: Im Mittelpunkt steht der gegenseitige Briefaustausch. Für die Schülerinnen und Schüler geht es im Briefprojekt ganz konkret darum, das Schreiben von Briefen zu erlernen, das ist auch im Lehrplan der fünften Klassen vorgesehen. Dass daraus so viel mehr entstehen kann, haben wir beim ersten Treffen eindrucksvoll bewiesen.

Wie sind Sie auf das Projekt aufmerksam geworden und warum haben Sie mitgemacht? 

Judith Niermann: Die Klassenlehrerin der Klasse 5d, kam auf mich zu und hat einfach mal gefragt. Ich war sofort begeistert. Gemeinsam mit unseren FSJlerinnen habe ich überlegt, wie wir das Projekt starten können, welche Bewohnerinnen und Bewohner dafür ansprechbar sind und wie wir den Austausch gestalten. Und dann kamen auch schon die ersten Briefe.

Wie haben Sie das Projekt auf Seiten der Bewohnerinnen und Bewohner organisiert?

Judith Niermann: Die Teilnehmenden wurden von den FSJlerinnen gefragt, ob sie bei einem solchen Briefprojekt mitmachen möchten. Das Schreiben selbst gelingt hier aus gesundheitlichen Gründen fast niemandem mehr. Deshalb läuft der Briefkontakt jeweils in kleinen Gruppen. So schreiben die Schülergruppen „Die kleinen Kartoffeln“, die „Hasengruppe“, die „CaPo's“, die „Bunten Einhörner“, die „Gruppe 2“ und „The Cats“ an uns. Die Briefe werden von verschiedenen Bewohnerinnen und Bewohnern, darunter die „Schildkröten“, „Wonderwoman“, „Football-Lover“, „Dos“, Frau B. und die „Bunten Blumen“, mit Unterstützung der FSJlerinnen beantwortet. Dafür holen die FSJlerinnen jeweiligen Personen zusammen und gestalten den Briefkontakt sehr selbstständig.

Wie haben Sie den ersten Briefkontakt mit den Schüler:innen erlebt?

Judith Niermann: Als ich die ersten Briefe gelesen habe, ist mir sofort aufgefallen, dass sich die Schüler besonders für die Menschen interessieren, die hier wohnen. Sie haben sich in den weiteren Briefkontakten auch immer wieder auf Informationen aus den Briefen bezogen und so ist der Briefkontakt schnell persönlich geworden.

Welche Themen und Erlebnisse haben den Austausch zwischen den Teilnehmenden besonders geprägt? 

Judith Niermann: Vorstellung und Kennenlernen standen natürlich zunächst im Mittelpunkt. Wir wollten aber auch mehr voneinander erfahren: Welche Berufe üben wir aus oder wünschen wir uns? Welche Hobbys haben wir? Und wie sieht unser jeweiliger Alltag aus? So haben wir uns Schritt für Schritt besser kennengelernt. Dabei spielte auch Musik eine Rolle. Wir haben die Lieblingsmusik der Jugendlichen kennengelernt und festgestellt, dass sie sich, wie vermutlich schon immer, deutlich von der Musik der Erwachsenen unterscheidet. 

„Wat dem einen sin Uhl, ist dem anderen sin Nachtigall.“

Nach Monaten des Schreibens haben sich schließlich alle persönlich kennengelernt. Gab es an diesem Tag einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist? 

Judith Niermann: Dazu möchte ich Frau T., eine der Teilnehmerinnen und ehemalige Lehrerin, zitieren: „Die Schülerinnen und Schüler waren sehr offen und haben sich getraut, viel zu fragen. Das fand ich schön.“

Was glauben Sie, bewirken solche Begegnungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Judith Niermann: Ich denke, dass auf beiden Seiten deutlich geworden ist, dass es sich lohnt, auf andere Menschen zuzugehen. Die Gemeinsamkeiten, zum Beispiel bei den Hobbys wie Reiten, Fußball oder Tanzen, sind in den Vordergrund getreten. Das hat die Generationen miteinander verbunden. Vielleicht wurde das am deutlichsten, als wir in mehreren Briefgruppen festgestellt haben: „Die Ferien waren schon immer das Schönste an der Schulzeit.“

Was würden Sie Menschen raten, die ein ähnliches Projekt ins Leben rufen möchten?

Judith Niermann: Die Idee, kleine Gruppen zu bilden, war sehr hilfreich. Da keine der teilnehmenden Bewohnerinnen und Bewohner aus gesundheitlichen Gründen noch selbst schreiben kann, braucht jede Gruppe personelle Unterstützung. (Mit dieser Begleitung kann ein solcher Briefkontakt aber sehr gut gelingen.)

Wenn Sie auf das gesamte Projekt blicken: Was wünschen Sie sich, dass die Schülerinnen und Schüler und die Bewohnerinnen und Bewohner davon mitnehmen?

Judith Niermann: Spaß und die Erweiterung des eigenen Horizonts.

Aus einem Brief ist eine echte Begegnung geworden und vielleicht sogar der Beginn einer besonderen Freundschaft. Wir wünschen allen Beteiligten, dass sie den Austausch noch lange fortsetzen, viele schöne Erinnerungen sammeln und sich auch in Zukunft mit genauso viel Neugier, Offenheit und Freude schreiben. Für die kommenden Briefe wünschen wir viel Erfolg, spannende Geschichten und vor allem weiterhin so viele bereichernde Begegnungen.