Der zweitägiger Austausch zeigt Wege für gemeinwohlorientierte, soziale und klimagerechte Quartiere
Rund 100 Fachleute diskutierten in Bremen Anfang September über die Zukunft der Quartiersentwicklung und besichtigten innovative Praxisbeispiele: das Eldon-Burke-Quartier der Stiftung Friedehorst, das Hachez-Quartier der denkmalstadt GmbH und das Stadtleben Ellener Hof der Bremer Heimstiftung
Wie können Quartiere zu Orten werden, an denen bezahlbares Wohnen, sozialer Zusammenhalt, Klimaanpassung und nachhaltige Stadtentwicklung gemeinsam gelingen?
Mit dieser Frage beschäftigte sich der Fachtag Quartiersentwicklung am 2. und 3. September 2026 in Bremen.
Rund 100 Fachleute aus Architektur, Stadtplanung, Wohnungswirtschaft, Kommunalverwaltung, Sozialplanung und Quartiersmanagement kamen zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und erfolgreiche Lösungsansätze zu diskutieren.
Unter dem Motto „Transformation mutig gestalten – gemeinwohlorientiert, sozial, ökologisch“ standen dabei Fachvorträge, Diskussionen und konkrete Praxisbeispiele im Mittelpunkt.
Quartiere sind der Schlüssel für die Transformation von Städten
Die Teilnehmenden waren sich einig: Viele der großen Herausforderungen unserer Zeit werden auf Quartiersebene entschieden. Ob Klimaanpassung, Wohnraummangel, nachhaltige Energieversorgung oder soziale Teilhabe – Quartiere bieten den Raum, in dem innovative Lösungen erprobt und sichtbar werden.
Im Mittelpunkt des Fachtags standen drei zentrale Themenfelder:
- Gemeinwohlorientierung und sozialer Zusammenhalt
- Bauen, Bestandsentwicklung und Wohnen
- Klimaanpassung und nachhaltige Energieversorgung
In Vorträgen und Gesprächsrunden diskutierten Expert:innen aus ganz Deutschland, welche Strategien bereits erfolgreich sind und welche Rahmenbedingungen notwendig sind, um vergleichbare Projekte an anderen Standorten zu ermöglichen.
In Ihrer Keynote ging Andrea Gebhard (Präsidentin der Bundesarchitektenkammer) auf die Herausforderungen der Quartiere ein – insbesondere vor dem Hintergrund der Hitzewelle im Sommer 2026 in Deutschland:
Wir dürfen nicht die Hitzeinseln von morgen bauen. Deshalb stehen wir vor einer Herausforderung: Wie können wir verdichtet bauen und trotzdem Biodiversität, Versickerung und Durchlüftung sicherstellen?
Anja Bierwirth (Leiterin Forschungsbereich Stadtwandel, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie) legte dar, dass die Pro-Kopf-Wohnfläche in den letzten Jahren zugenommen, gleichzeitig die Zufriedenheit mit der eigenen Wohnung abgenommen hat.
Wir müssen uns fragen, ob wir wirklich einen so hohen Neubaubedarf haben oder vielmehr einen Verteilungsbedarf. Dabei müssen wir auch über andere Nutzungsmöglichkeiten nachdenken. Wenn ich mir Innenstädte anschaue, dann ist dort sehr viel Fläche vorhanden, aber kaum Aufenthaltsqualität jenseits des Konsums.
Henrik Wunsch vom Bremer energiekonsens arbeitet seit Jahren in Projekten zum Klimaschutz. Er betonte, wie wichtig es ist, verständliche Gesprächsangebote zu machen
Wir müssen zu den Menschen in den Quartieren gehen und darüber informieren, welche sinnvollen und bezahlbaren Möglichkeiten es gibt, den Einsatz fossiler Energieträger so schnell wie möglich zu ersetzen.
Frauke Burgdorff, Stadtbaurätin in Aachen, sprach in ihrem Vortrag darüber, wie wichtig Gemeinwohl für das Funktionieren einer Gesellschaft ist.
Es ist eine wichtige Aufgabe Allgemeingüter so zu organisieren, dass sie nicht ausgelaugt werden können. Das geht nur mit Regeln, über sozialen Beziehungen – und mit Menschen, die mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet sind.
Praxisbeispiele aus Bremen und Deutschland
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Vorstellung und Diskussion konkreter Quartiersentwicklungen. Neben den Bremer Projekten Stadtleben Ellener Hof, Hachez Quartier und Eldon-Burke-Quartier wurden mit dem
- BOB Campus in Wuppertal
- dem Steingauquartier in Kirchheim unter Teck
- und dem Prinz-Eugen-Park in München
weitere erfolgreiche Beispiele aus Deutschland gezeigt. Die drei bundesweiten Beispiele wurden von Gernot Pohl (Abteilungsleitung Städtebau und Baurecht). Robert Ambrée (Montag Stiftung Urbane Räume) und Natalie Schaller (Stadtbau München) präsentiert.
Die Projekte zeigten unterschiedliche Ansätze für nachhaltige Stadtentwicklung – von der Umnutzung ehemaliger Industrieflächen über neue Wohn- und Beteiligungsformen bis hin zu klimaangepassten Quartierskonzepten.
Lernen vor Ort
Besonders positiv bewertet wurde von den Teilnehmenden die Möglichkeit, Quartiersentwicklung unmittelbar vor Ort zu erleben. Im Rahmen geführter Rundgänge konnten die Gäste die Bremer Quartiere kennenlernen und sich direkt mit Projektverantwortlichen, Planer:innen und Trägern austauschen.
Die Verbindung von Fachkongress und Exkursion ermöglichte einen praxisnahen Wissenstransfer und machte deutlich, wie planerische Konzepte in gebaute Realität übersetzt werden können.
Die Bilanz der Veranstalter:innen ist positiv
Alle drei Veranstalter Bremer Heimstiftung, Stiftung Friedehorst und denkmalstadt GmbH ziehen eine positive Bilanz der zweitägigen Veranstaltung. Der intensive Austausch, die hohe fachliche Qualität der Beiträge und das große Interesse an den besichtigten Quartieren haben gezeigt, dass die Nachfrage nach praxisnahen Formaten für den Wissenstransfer in der Quartiersentwicklung wächst.
Wir konnten tief in den Backstage-Bereich anderer Projekte hineinschauen und haben fachliches Feedback von Expert:innen aus ganz Deutschland bekommen. Das war ein offener Austausch, geprägt von gegenseitiger Wertschätzung. Wir können uns keine Quartiere leisten, in denen wir uns die Probleme von morgen bauen.
Bettina Wegner, Vorständin Stiftung Friedehorst
Ich habe viele unterschiedliche Eindrücke auf diesem Fachtag gesammelt, intensive Gespräche geführt und wichtige Impulse für unsere künftige Arbeit bekommen. Wir konnten alle gemeinsam zeigen, wie viele großartige Quartiersprojekte es in Bremen gibt, die echten Vorbildcharakter haben.
Luis Hornung, Geschäftsführer denkmalstadt GmbH
Hintergrundinfos zu den drei Bremer Quartieren
Das Stadtleben Ellener Hof in Bremen-Osterholz steht exemplarisch für ein gemeinwohlorientiertes Quartier mit starkem Fokus auf soziale Durchmischung, gemeinschaftliches Wohnen und eine nachhaltige Bauweise. Das Quartier verbindet innovative Wohnformen mit vielfältigen Angeboten für Nachbarschaft und Teilhabe.
Das Eldon-Burke-Quartier im Bremer Stadtteil Burglesum treibt die Weiterentwicklung eines gewachsenen Bestandsquartiers zu einem inklusiven Ort voran. Ziel ist es, durch behutsame bauliche und soziale Maßnahmen die Wohnqualität zu verbessern, nachhaltige Strukturen zu stärken und den sozialen Zusammenhalt langfristig zu fördern.